Donnerstag, 19. April 2018

Was ist "Spaghetti Fantasy"?

In der Auslage eines gut sortierten Buchladens stieß ich auf ein Buch in italienischer Sprache, das mit "Spaghetti Fantasy" untertitelt war. Da ich dieser wunderbaren Sprache leider nicht mächtig bin, habe ich mir den eigentlichen Titel nicht gemerkt, aber der Untertitel hat es mir angetan. Auf der Suche nach einer Definition stieß ich auf zwei interessante, phantastische Projekte.

1.
Bei besagtem Buch handelte es sich um eine Anthologie, die den Titel "Zappa e Spada" ("Zauber und Schwert") trägt und im Februar 2018 bei Acheron Books erschienen ist. Die Initiatoren dieser Antho wollen mit dem Begriff "Spaghetti Fantasy" die Fantasy Italiens (wieder) sichtbar machen. Offenbar ist "all’italiana" in den Buchgeschäften des Landes nicht sehr gefragt, wie sich HIER nachlesen lässt.
Die Geschichten in der Antho sollen mehr in Richtung "The Witcher" gehen, keine hehren Ritter oder artige Prinzessinnen enthalten, sondern Diebe, Barbaren, Kurtisanen und böse alte Hexen. Eben ganz in Tradition der Sword & Sorcery.
Inspiriert wurde der Begriff von der Bezeichnung "Spaghetti Western".*
Antihelden, Schurken, "Schwertkämpfer ohne Namen" (Stichwort: Nobody), Kopfgeldjäger - in Geschichten, die blutig und schmutzig sind. Staubige Straßen, öde Dörfer und ein hartes Leben abseits von Imperien und Megacitys, gelebt von eher zynisch veranlagten Figuren. Keine Moral. Und natürlich alles mit italienischem Flair, sowohl geografisch, als auch mythisch und ein bisschen historisch!
Obige Quelle drückt es ungefähr so aus: "Welten, wo alle Männer stark und alle Frauen schön sind, das Leben immer abenteuerlich und es für jedes Problem eine einfache Lösung gibt."
Ich wünschte, ich könnte die Anthologie lesen.


2.
Als ich den Begriff näher herangesucht habe, stieß ich auf ein interessantes Projekt aus Österreich, das wohl einst mit "Ein Zwerg und ein Orc stehen am Würstlstand" begann.
"Wienerland", das von TV-Serien wie "Game of Thrones" und "The Walking Dead" inspiriert wurde, ist als filmische Umsetzung in Staffel 1 mit 6 Folgen á 50 Minuten geplant. In der österreichischen Fantasy-Western-Serie in englischer Sprache sind die Menschen um die Jahrtausendwende herum aus Platzgründen auf große Schiffe gestiegen und zu einem anderen Kontinent gesegelt. Dort angekommen stellen sie fest, dass sie nicht allein sind und sich Grund und Boden mit allerlei magischen Geschöpfen teilen. Diese wurden von den Menschen unterworfen, von denen allerdings nicht alle glauben, dass dies rechtens ist. Magie im Western-Setting existiert ebenso. Einigen Interviews zufolge soll es auch an starken Frauenfiguren nicht fehlen.
Leider gibt es seit etwa 2016 keine neuen Informationen mehr, auch nicht in den Social Media Kanälen.
Nach dieser Quelle wird Idee und Umsetzung von "Wienerland" zu einem neuen Genre, der "Spaghetti Fantasy" verschmolzen. Dabei bezieht sie sich auch auf den "Spaghetti Western"-Begriff, als vor mehreren Jahrzehnten quasi eine neue Ära des Western eingeleitet worden ist. Fantasy war bisher zu "sauber"? Mhm.
In diesem Interview, geführt mit den Machern von "Wienerland" gibt es noch einige Einzelheiten zu Inhalt und Umsetzung.
Ein wenig war ich an "Firefly" erinnert und finde es schade, dass das deutschsprachige Projekt nicht auch in deutscher Sprache gedreht wurde. Vielleicht waren dahingehend die Ambitionen zu hoch gegriffen. Und die Naziähnlichen Gestalten vielleicht auch.
Abgesehen davon klingt es doch eigentlich gar nicht so schlecht. Durch ein fehlendes Impressum war nachfragen leider nicht möglich. Schade.

Vor 20 Jahren wurde die Rebellion der Andersartigen niedergeschlagen. Die Ermordung der letzten Apéiri, ihrer Anführerin Shayariel, beendete einen verbitterten Kampf um Akzeptanz und Gleichheit.
Die Verwüstung des Landes und die vorherrschende Ressourcenknappheit lassen die Jahre des Wiederaufbaus zum Überlebenskampf werden. Wer nicht einer Seuche oder plündernden Gangs zum Opfer fällt, landet vermutlich in den Fängen eines wilden Monsters. Sowohl die heuchlerisch betriebene Integration der Andersartigen – jener Wesen, die sich aufgrund ihrer Mutationen deutlich von den Menschen unterscheiden – als auch die gnadenlose Jagd des Imperiums auf „Magische“, führt zu Aufständen und grausamen Hinrichtungen.
Die größte Metropole und gleichzeitig das handelstechnische Zentrum „Motherstown“, wird umgeben von der Außenzone mit ihren weiten Ebenen, verwahrlosten Dörfern und gesetzlosen Gestalten.


*"Spaghetti Western" wird auch als Italowestern bezeichnet und ist ein in den 1960ern entstandenes Sub-Genre des Westerns, das von italienischen Produktionen dominiert wurde. Wer sich näher dafür interessiert, sollte die große Suchmaschine bemühen, es lohnt sich.

Dienstag, 17. April 2018

Die Geschichte des Wassers - Maja Lunde

Titel: Die Geschichte des Wassers
Autorin: Maja Lunde
Originaltitel: Blå
Verlag: btb
ISBN: 978-3442757749
Euro: 20,00
Veröffentlichungsdatum: März 2018
Seiten: 480
Kein Serientitel
Come in: vorablesen









Inhalt

Norwegen 2017. Die 70-jährige Umweltaktivistin Signe Hauger macht sich mit ihrem kleinen Boot "Blau" auf den Weg von ihrer Heimatstadt nach Frankreich. Dort lebt ihre alte Jugendliebe Magnus, der sich aktiv am Raubbau der Gletscher und des dortigen Wassers beteiligt. Wenn sie ihn nicht zum Umdenken bewegen kann, da ist sie sich ganz sicher, wird es bald nur noch Dürre geben, denn der Eingriff in die Natur ist zu gewaltig, als dass diese das weiterhin aushalten könnte.
Frankreich 2041. Der 25-jährige David ist mit seiner 5-jährigen Tochter Lou auf dem Weg in den Norden Frankreichs, weil es dort noch Wasser geben soll. Er hat seine Frau und seinen Sohn auf der Flucht aus den Augen verloren und hofft, sie im Flüchtlingscamp wiederzutreffen. Als das Leben dort zu eng für ihn wird, geht er mit Lou außerhalb des Lagers spazieren. Bei einem verlassenen Hof finden sie ein altes Boot, auf dem sie viel Zeit verbringen. Derweil platzt das Camp aus allen Nähten, es kommen keine Vorräte mehr und Gewalt greift um sich. Was soll David nur tun?


Samstag, 14. April 2018

Covergleichheit: Robokopf


Bei diesem Motiv macht es sicherlich Sinn, dass es jeweils auf einen Science Fiction Roman gedruckt wurde. Roboter spielen auch in beiden Geschichten eine Rolle. Faszinierend ist, wie das einzelne Bild in den Hintergrund eingefügt wurde und so verschiedene Emotionen damit verknüpft werden können.



Donnerstag, 12. April 2018

Central Station - Lavie Tidhar

Titel: Central Station
Autorin: Lavie Tidhar
Originaltitel: Central Station
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453318816
Euro: 9,99
Veröffentlichungsdatum: Januar 2018
Seiten: 352
Kein Serientitel
Come in: Tausch










Meinung

In Tel Aviv steht die große Central Station, von der die Menschen aus ins All expandiert haben. Der Mars ist besiedelt, es gibt die große UNTERHALTUNG, die nächste Steigerung vom world wide web, "Influencer" mit mehr als neun Milliarden Followern allweit. Künstlich geschaffene Kinder aus dem Labor, neue Arten des (Zusammen-)Lebens. Die Anderen, Menschen mit diversen künstlichen Gliedmaßen, bis kaum noch humanoides Material vorhanden ist. Menschen, die nach ihrem Tod in Robotniks gewandelt wurden, um in einem der Kriege verheizt zu werden und sich kaum noch an ihr einstiges menschliches Leben erinnern. Dutzende (auch neue) Religionen, die um Gläubige buhlen. Es ist eine wahrlich bunte Mischung, in die Tidhar seine Leser hineinwirft. Wer nach einer Handlung sucht, wird enttäuscht sein. In "Central Station" werden verschiedene Charaktere näher betrachtet, wird ein kleiner Ausschnitt aus ihrem Leben näher beleuchtet.
Miriam Jones, die mit ihrem Zögling Kranki jede Woche zum Bahnhof geht, weil seine Mutter ihm vor dem Tod sagte, sein Vater käme an einem Freitag zurück. Es ist jedoch Boris Chong, ihre alte Jugendliebe, die ihnen entgegenkommt. Er, der er einst in der Geburtsklinik gearbeitet hat und dann in die Weiten des Alls aufgebrochen ist, kommt wegen des schlechten Gesundheitszustands seines Vaters zurück. Die beiden lassen ihren alten Gefühlen freien Lauf. Die Geschichte der Familie Chong wird näher betrachtet, ebenso wie verschiedene Beziehungsformen. Miriams Bruder verliebt sich in einen weiteren Ankömmling der Central Station: Eine Frau, die vom Strigoi-Virus infiziert wurde; sie saugt Daten von Menschen ab.
Diese und weitere Charaktere verflechten ihre Leben, ihre Entscheidungen, ihre Zukunft miteinander, bis sich ein großes buntes Bild einer möglichen künftigen Zeit erschließt und lose Enden zusammenfinden. Es sind also mehr Kurzgeschichten in Kapitelform, in denen auch am Rande die Figuren aus den anderen Kurzgeschichten auftauchen und sich wie ineinander verflochtene Finger miteinander verweben und etwa eine Woche dieses Zukunftsfensters öffnen, immer im Mittelpunkt die Central Station. Die Mischung ist bunt, aber durchaus denkbar. Die Menschen sind die gleichen geblieben und das ist vielleicht das Erschreckendste daran; Technik, Soziologie, Gesetze mögen sich verändern, aber im Herzen bleiben wir doch alle gleich. Tidhar zeigt, was möglich wäre, ohne utopisch oder dystopisch zu werden. Es ist ein Wimpernschlag, den er uns gewährt - und viele Dinge in diesem Möglichen, über die nachzudenken es sich durchaus lohnt.
Tidhars Art zu schreiben, seine Art, Dinge zu zeigen, ist sehr intensiv und nie beschönigend, eben passend zu dem, was er zu erzählen hat. Für den Mainstreamleser ist dieser Science-Fiction-Roman eher nichts. Auch wer es entspannend und einfach sucht, Action benötigt oder sofort ersichtliche Motive und Emotionen ist eher schlecht beraten. Wer sich jedoch ein Bild mit Worten malen lassen will und gern die grauen Zellen anstrengt, sollte nicht vorbeigehen.


Lavie Tidhar wuchs in einem israelischen Kibbuz auf und lebte unter anderem in Vanuatu, Laos, und Südafrika. Mit seinen Romanen gewann er den British Science Fiction und den World Fantasy Award. Derzeit lebt er in London.